Was als harmloser Urlaubsspaß beginnt, endet für manche Schweden-Reisende offenbar mit einer Nacht, die sie so schnell nicht vergessen werden. In deutschsprachigen Reisegruppen häufen sich Berichte über eine angebliche „Lakritzvergiftung“ – mit Durchfällen und Erbrechen in einem Ausmaß, das Betroffene als „unvorstellbar“ beschreiben.

Eine Nacht zwischen Bett und Badezimmer

Ein Urlauber berichtet von einer Nacht in einem Ferienhaus bei Göteborg, in der er „praktisch zwischen Badezimmer und Bett pendeln musste“. Innerhalb weniger Stunden habe er mehrfach erbrochen und unter starkem Durchfall gelitten. Am nächsten Morgen sei die gesamte Familie davon überzeugt gewesen, dass „nie wieder Lakritz ins Haus kommt“.

Andere Berichte fallen noch drastischer aus. Manche Betroffene sprechen von zwölf, fünfzehn oder sogar mehr Toilettengängen innerhalb weniger Stunden. In sozialen Netzwerken ist bereits von der „schwedischen Lakritz-Hölle“ die Rede.

Wir haben den Fehler zweimal gemacht. Beim dritten Mal hätten wir es besser wissen müssen.
— Ein Urlauber aus der Reisegruppe „Skandinavien 24“

Dabei wird in den Erzählungen ein realer medizinischer Sachverhalt mit immer wilderen Urlaubsgeschichten vermischt. Zeit für eine Einordnung.

Was ist dran an der „Lakritzvergiftung“?

Lakritz enthält Glycyrrhizinsäure, einen Inhaltsstoff der Süßholzwurzel. Er ist für den charakteristischen Geschmack verantwortlich – und für die medizinisch gut beschriebene Wirkung des Süßes: Glycyrrhizinsäure hemmt ein Enzym, das normalerweise das Hormon Cortisol abbaut. In der Folge kann der Körper vermehrt Salz und Wasser zurückhalten und Kalium ausscheiden; Blutdruck und Hormonhaushalt geraten aus dem Gleichgewicht. Mediziner sprechen bei ausgeprägten Fällen von einem sogenannten Pseudo-Hyperaldosteronismus.

Dass bereits erstaunlich kleine Mengen spürbare Effekte haben können, zeigte eine 2024 veröffentlichte schwedische Studie von Peder af Geijerstam und Kollegen. In der randomisierten Crossover-Studie mit 28 gesunden Erwachsenen führte eine tägliche Lakritzaufnahme, die etwa 100 Milligramm Glycyrrhizinsäure entsprach, über zwei Wochen zu einer deutlichen Unterdrückung der Hormone Renin und Aldosteron sowie zu erhöhten häuslichen Blutdruckwerten.

Wenn Fakten auf Urlaubsgeschichten treffen

Massiver Durchfall und explosionsartiges Erbrechen gehören allerdings nicht zu den typischen, wissenschaftlich belegten Folgen eines normalen Lakritzkonsums. Die belegbaren Effekte der Glycyrrhizinsäure betreffen vor allem Blutdruck, Salz-Wasser-Haushalt und Hormonspiegel – nicht den akuten Magen-Darm-Sturz, den die kursierenden Geschichten so anschaulich beschreiben.

Die extremen Schilderungen sind damit vor allem eines: gute Geschichten. Sie folgen der klassischen Logik der Urlaubserzählung – je schlimmer die Nacht, desto besser die Geschichte am Frühstückstisch.

„Rosshaarallergie“ und „Lakritz-Impotenz“: Die Legende wächst

Noch absurder wird es bei den angeblichen Langzeitfolgen. Urlauber berichten von einer plötzlich auftretenden Rosshaarallergie, dauerhafter Abneigung gegen Pferde, einer lebenslangen Unverträglichkeit von schwarzem Tee und sogar von einer sogenannten „Lakritz-Impotenz“.

Für keine dieser Behauptungen gibt es einen wissenschaftlichen Nachweis – und schon die Begrifflichkeit verrät, dass hier nicht geforscht, sondern erfunden wurde. Dass ausgerechnet eine Süßigkeit eine Pferdehaarallergie auslösen soll, ist medizinisch ungefähr so plausibel wie ein Schnupfen durchs Zuschauen.

Wir raten zu gesunder Skepsis gegenüber allem, was als ‚Lakritz-Impotenz‘ bezeichnet wird. Vor allem gegenüber dem Wort selbst.
— Dr. med. fict. Ingrid Blindtext, fiktive Ernährungsmedizinerin

Was bleibt – und was man wissen sollte

Fest steht: Wer in Schweden mehrere große Packungen starkes Salmiak-Lakritz täglich isst, sollte es nicht unbedingt als völlig harmloses Lebensmittel betrachten. Die tatsächliche Wirkung hängt unter anderem von der Menge, der Glycyrrhizin-Konzentration und der individuellen Empfindlichkeit ab. Menschen mit Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Nierenproblemen sowie Schwangere sollten Lakritz nur in Maßen genießen – nicht, weil die Legenden wahr wären, sondern weil die Biochemie real ist.

Ob die sogenannten Lakritz-Überlebenden ihre Erfahrungen irgendwann wieder humorvoll betrachten können?

Vielleicht. Aber erst, wenn ich wieder an einer Süßwarenabteilung vorbeigehen kann.
— Ein Betroffener